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Auslandsjahr

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Bericht eines Auslandsjahres

Bericht eines Auslandsjahres in Nova Iguacu

Mehrere Schüler und Schülerinnen haben das soziale Projekt Nova-Iguacu in Brasilien genutzt um ein soziales Jahr im Ausland zu leisten.

Im August 2013 fuhr die Abiturientin Carina Duwe. Im Juli 2014 kam sie zurück

Wer mit dem Gedanken spielt, selbst ein Jahr dorthin zu fahren, bekommt hier erste Informationen zur Bewerbung.

Hier ihre letzten Eindrücke von Nova Iguacu während der WM und dem sozialen Projekt.

Wer mehr über Ihre Abenteuer erfahren möchte kann in Ihrem Blog Carina in Brasilien lesen.

Brasilien wärend der WM, Carina Duwe berichtet:

Das Jahr verging wie im Flug. Nun stehe ich bereits am Ende meines Jahres und frage mich, wo die Zeit nur geblieben ist.

Die zweite „Halbzeit“ meines Aufenthalts begann mit dem legendäre Karneval in Rio de Janeiro. Wir besuchten das Sambódromo und genossen eine ganze Nacht lang das riesen Spektakel. Es war ziemlich beeindruckend; ein Erlebnis, das ich bestimmt nicht vergessen werde. Während der Karnevalszeit arbeitete ich im Casa de Esperanca, bis Anfang März meine Schwester mich für drei Wochen besuchte.
Gemeinsam besuchten wir die Projekte, sodass auch sie einen Eindruck von meinem Aufgabenbereich erhielt und wir gingen auf Reisen, um so auch andere Seiten Brasiliens kennen zu lernen. In Foz do Iguacu besuchten wir die größten Wasserfälle der Welt und fuhren anschießend mit dem Bus weiter zur Ilha Grande. Es war eine abenteurliche Reise, auf der wir auf viele hilfsbereite Menschen trafen. Für mich war es eine Herausforderung, da ich alleine dafür verantwortlich war mit den Menschen zu kommunizieren bzw nachzufragen, um dann für Julia zu übersetzen. Die Rollen zu tauschen, als kleine Schwester für die Große verantwortlich zu sein, setzte neue Akzente in unserer Schwesterbeziehung. Jedenfalls war es für uns beide eine sehr wertvolle Zeit.
Im März hatten wir die Gelegenheit das „Instituto das Criancas“ kennen zu lernen, welches die AVICRES mit Materialspenden (wie Matratzen, Kissen..usw) und Ähnlichem unterstützt. Wir und weitere AVICRES-Mitarbeiter wurden nach Ipanema in eines der luxeriösen Hotels eingeladen. Dort fand eine Veranstaltung mit dem Gründer der Organisation, der zugleich Chef des Hotels ist, statt. An diesem Tag wurde die AVICRES vielen anderen kleineren Organisationen vorgestellt. Für mich war es eine Ehre dabei zu sein, und sogar als Praktikant erwähnt zu werden. Diese Art des Austausches und der Zusammenarbeit der einzelnen Organisationen, finde ich sehr wertvoll.
Als ich nach der ausgiebigen Zeit mit meiner Schwester zurück ins Projekt kam, brauchte ich eine Zeit, um wieder anzukommen. Doch die Kinder in der Posse halfen mir dabei sehr gut. Wir bauten Hütten aus alten Palmzweigen, was die Kinder sehr begeisterte. Und wir veranstalteten Puppen-Picknicks, durch welche ich mich an meine eigene Kindheit erinnerte. Die Kinder konnten „Kind sein“, was sie zu Hause laut ihren Erzählungen oftmals nicht sein können, da sie schon zu viel Verantwortung übertragen bekommen und/oder oft eine hohe Gewaltätigkeit in den „Familien“ herrscht.
Zur Einstimmung auf die Osterzeit, brachte ich die deutsche Tradition des Eierfärbens mit ins Projekt. So malten wir die Eier an und färbten gekochte Eier, außerdem bastelten wir einen Osterhasen aus Pappmasche. Der Ostertisch sah klasse aus. Am Osterfest selbst, hatte ich Schminke mit ins Projekt gebracht und so liefen anschließend lauter kleine Osterhasen herum, und dass sogar in den Fußballfarben der einzelnen Teams.

Im Mai wechselte ich zu den ganz kleinen Kindern in die Creche nach K11, in die wohl gefährlichste und gewaltätigste Region Nova Iguacu´s. Drogenbosse beherrschen das Gebiet. Dort erlebte ich einen Wechsel des kompletten Personals. Dieser Wechsel war dringend notwenig, da die ehemaligen Erzieherinnen sich wenig um die Kinder gekümmert hatten. Aus mangelnder Lust und Motivation wurden die Kinder zum Beispiel oft vor dem Fernseher „geparkt“ und sollten bis zum Lunch schlafen. Es ist traurig zu erleben, dass eine große Zahl an Mitarbeitern unzuverlässig und unehrlich ist, nur ihren Vorteil und Profit sehen. Das habe ich in diesem Jahr mehrmals erlebt. Das Personalproblem scheint überhaupt in solch einer Arbeit wohl das Größte zu sein.

Die ersten zwei Wochen mit dem neuen Team waren zwar ein wenig stressig und chaotisch, da Köchin Gloria und ich die Einzigen waren, zu denen die Kinder Vertrauen hatten und die die genauen Abläufe kannte.
Doch schon bald kehrte wieder Alltag ein. Die Kinder lernten wieder Strukturen und Regeln, sie „mussten“ nicht mehr den ganzen Tag schlafen, sondern bekamen endlich mal sinnvolle Aufgaben, die sie zu erledigen hatten. Ich konnte positive Veränderungen an den Kindern beobachten, dadurch dass sie viel ruhiger und gleichzeitig aufgeschlossener und anhänglicher wurden. Die größten Rabauken wurden durch sie zu den anhänglichsten Schmusekätzchen. Das neue Team empfinde ich persönlich als sehr positiv, da die Mitarbeiter viele neue Ideen einbringen und liebevoll mit den Kindern umgehen. Die Gemeinschaft ist klasse, die dort seitdem herrscht. Ich hoffe, dass dies auch in Zukunft so bleiben wird.

Durch Expraktikantin Lisa, die wieder zurück nach Nova Iguacu gekommen ist, um in Rio ein Auslandssemester zu absolvieren, bekamen Madlen und ich die Möglichkeiit einmal eine öffentliche Schule in Rio kennen zu lernen.
Die Schule befindet sich in dem Viertel Jacarépagua. Die Schüler kommen zum Teil aus dem angrenzendem Viertel Cidade de Deus, welches in den 90ern viele Schlagzeilen zum Thema Drogenhandel, Kriminalität und Gewalt gemacht hat.
Für mich war dieser Besuch eine interessante Erfahrung. Als wir dort ankamen, mussten wir an einem Sicherheitsdienst vorbei, der die vergitterte Tür bewachte. So kommen nur diejenigen hinein, die dort angekündigt waren. Auch die einzelnen Gänge waren mit Gittertüren versehen. In der oberen Etage, wo auch das Projekt statt fand, waren abenfalls alle Wertsachen, durch Gitterstäbe gesichert. Dazu zählen beispielsweise die Türen der Computerräume, Fernseher und ein Internetrouter. An unserem Schnuppertag, durften wir an dem Radioprojekt teilnehmen, für das sich Lisa engagiert. An diesem Tag wurde gerade ein Name für das noch in Arbeit stehende Radio gesucht. Dafür wurden Wahlen in den Klassen abgehalten. Beim Gang durch die Klassen, erlebte ich ein mir ziemlich fremdes Unterrichtsklima, beispielsweise Handys gehörten wie selbstverständlich dazu.
In der Pause versammelten sich die Schüler im ebenfalls vergitterten Pausenraum. Das Radio-Team spielte „Musik“ und zwar Funky, eine oftmals mit vielen Schimpfwörtern und gewaltverherrlichenden Vormulierungen versehen Musikrichtung. Doch verboten wird es dort nicht, da viele damit groß geworden sind, so erzählte es uns der verantwortliche Lehrer. Aus diesem Grund werden auch die Handys nicht verboten.

Im Mai wurden außerdem Präsentationen zum Thema Weltmeisterschaft in den einzelnen Projekten der AVICRES vorgestellt. Ich hatte die Möglichkeit die erfolgreichen Arbeiten und Vorstellungen in der Posse anzuschauen. Dort hatten sie sich wirklich viel Mühe gegeben. Es gab einen Tisch an dem all die gebastelten Gegenstände aufgeführt wurden, die die Kinder mit „Tia“ Bardi aus recycelbaren Material gezaubert hatten. Zusammen mit den Sportlehrern Roberto und Babi wurden die Schwimmkünste präsentiert und die Musiklehrerin Marineia hatte das Lied „Na Palma da Mão“ mit einer starken Gruppe an Trommlern aufgeführt. Es war eine gute Arbeitsreihe, in der die Kinder insgesamt eine Menge über die WM lernten und das Thema wirklich gut umsetzten. Für sie konnte die WM kommen.

Doch Ende Mai bis Anfang Juni nahmen die Proteste gegen die FIFA und WM stark zu und verdeckten so jede bereits aufgekommene Fußballstimmung. Auf Grund der Befriedung der Favelas in Rio de Janeiro sind viele der Banditen in die Vorstädte untergetaucht. Das bekam ich hier in der Baixada deutlich zu spüren. Die Läden wurden früher geschlossen, Überfälle und Morde haben zugenommen und auch die Angst.
Als ich vor einem Jahr hier ankam brauchte ich Zeit, um mich an den Gedanken und die Tatsache zu gewöhnen, dass ich mich hier nicht frei und selbstständig bewegen kann, so wie ich es aus Deutschland gewohnt war. Durch meine Familie und andere Einwohner habe ich gelernt, wie ich mich zu verhalten habe, welche Straßen ich besser meide, habe gelernt, dass ich den Bus nehmen kann, aber ein Motorradtaxi oder ein Kleinbus zu gefährlich sind und dass ich ab einer gewissen Uhrzeit besser nicht mehr aus dem Haus gehen sollte - zumindest nicht alleine. Ich hatte es geschafft, mich trotz der Einschränkungen sicher zu fühlen, auch wenn ich durch das Fernsehen und durch Erzählungen ständig erfahren habe, dass Morde und Überfälle immer wieder passieren - sogar in der unmittelbaren Nähe.
Doch durch die näherrückende Großveranstaltung WM verflog jegliches Gefühl von Sicherheit.
An einem Tag war auch ein Busstreik in Nova Iguacu angekündigt. Es hatten sich Gott sei Dank nicht alle Busfahrer daran beteiligt, so war der Verkehr zwar deutlich geringer, doch er wurde nicht komplett lahm gelegt.
Außerdem haben die Sicherheitsmänner der Banken in Nova Iguacu zwei Monate lang gestreikt, das hatte zur Folge, dass meine Gastmama in diesem Zeitraum kein Geld an der Bank abheben konnte und selbst beim Bäcker mit Karte bezahlen musste.
Einen Busfahrer namens Daniel, der einen der Langstrecken-Busse 1001 fährt, hatte mir erzählt, dass er nur für die WM eine Woche lang einen kostenlosen Spanisch- und Englischkurs belegen musste, der ihm aber nichts gebracht hatte.
Ich war mitten in dem Geschehen. Bekam das mit, was die Touristen der WM nicht mitbekamen.
Auch in Rio war einiges los. Überall sah ich Wandparolen mit den Aufschriften „FIFA GO HOME“ oder „Copa mata“. Die Freude der WM hielt sich also in Grenzen. Die meisten Leute hatten vorher auch gesagt, dass sie sich aus Angst, während der Spiele nicht aus den Häusern trauen werden. Außerdem habe ich niemanden aus der Baixada kenne gelernt, der sich ein Spiel im Stadion anschauen konnte, da die Eintrittskarten einfach viel zu teuer waren.

Einige Wochen bevor die WM dann anfing, wurde meiner Meinung nach, die Baixada dann doch noch auf den letzten Drücker irgendwie verschönert. In vielen Straßen wurden Flatterbänder in gelb und grün aufgehangen, genauso wie Brasilienfahnen. Die Straßen wurden passend bemalt. Als die Spiele dann aber erstmal begannen und Brasilien mit dem 3:1 in die WM startete, kam die Fußballbegeisterung der Menschen zurück. An jeder noch so kleinen Bar trafen sich die Menschen um gemeinsam die Spiele zu verfolgen. An den Tagen der Brasilienspiele, sah man kaum noch jemanden, der nicht passend in grün-gelb gekleidet war. Da die Spiele immer Nachmittags waren, bekamen wir in der AVICRES bereits um 14 Uhr Feierabend. Wie die meisten anderen Arbeiter auch. Die Geschäfte schlossen um dieselbe Uhrzeit. Das Alltagsleben stand still und es war ein absoluter Ausnahmezustand. Den ganzen Vormittag im Projekt verbrachte ich damit, Kopfschmuck im Brasilien-Look zu basteln und die Kinder zu schminken.

Durch die WM ging der Juni noch schneller vorbei, als ohnehin schon. Mich macht es ein wenig traurig, dass die Brasilianer nun nur Vierter geworden sind und wir drei Praktikanten hier als Weltmeister gefeiert wurden.

In meiner brasilianischen Familie war auch schwer was los. Das Highlight war das einjährige Geburtstagsfest von Miguel, dem Enkel meiner Gastmama Leila. Dafür hatten seine Eltern einen riesen Festsalon gemietet. Alles war passend zum Thema „Micky auf Safari“ geschmückt. Es gab ein großes Angebot an Kinderbelustigung (4D-Kino, Rutschen, Seilbahn, Freier Fall, Karusell..usw) welches zwischendurch von dem Programm unterbrochen wurde. Eine Diashow wurde präsentiert, in der Fotos von jedem Monat gezeigt wurden. Eine Sängerin kam gemeinsam mit dem Geburtstagskind auf dem Arm in den Saal. Sie sang sehr emotional über den kleinen „Campeao“, der während dieser berührenden Szene alles andere als ruhig blieb. Er brachte mich zum Schmunzeln, in dem er die ganze Zeit versuchte, der Frau das Mikrofon aus der Hand zu ziehen. Es war ein riesen Spektakel. Als wir nachher alle wieder zu Hause waren, meinte meine Gastschwester: Das Fest ist nicht nur für ihn, sondern auch für uns, um ihn zu präsentieren. Für mich war es ein „einmaliges Erlebnis“.

Den Geburtstag von Gastmama Leila feierten wir dagegen deutlich kleiner. Es war ein tolles Fest in unserem Vorhof. Bei dem die Karaoke-Maschine nicht fehlen durfte. Es wurde bis in die frühen Morgenstunden getanzt.
Generell tanzt meine Gastmama liebend gerne. Ich bin oft gemeinsam mit ihr zu einem Forro-Abend gegangen, wo live-Musik gespielt wurde. Uns taten diese Abende wirklich gut. Leider war es nämlich gar nicht so einfach, sie zum Ausgehen zu überreden.
Auch mit Isabelle war ich oft zusammen, das Enkelkind von Ayza, die im Gesundheitsposten arbeitet. Sie ist mir wirklich zu einer sehr guten Freundin geworden. Wir haben typische Mädelsabende gemacht, und ich bin in ihren Freundeskreis akzeptiert und angenommen worden. Über sie habe ich die junge katholische Kirche in Brasilien kennen gelernt und dabei festgestellt, dass sie voller Lebendigkeit und Begeisterung steckt. Isabelle und ihre Freundinnen sind alle sehr engagiert in unserer Kirchengemeinde vor Ort. Ich habe die kirchliche Jugendarbeit dort ganz anders miterlebt und bin wirklich begeistert von der Mitwirkung und dem Glauben, der in der Öffentlichkeit (beispielsweise durch das Tragen der selbstentworfenen „Kirchen“ T-Shirts) auch deutlich gezeigt wird. Ich durfte diverse Kirchenfeste während meines Aufenthalts miterleben und habe dabei die Gemeinschaft der Glaubenden am eigenen Leibe erlebt.
Auch Isabelle würde sich wünschen, Erfahrungen in Deutschland machen zu können. Es wäre unterstützungswert, wenn auch der umgekehrte Austausch über die AVICRES oder Diözese Paderborn möglich wäre, und so brasilianische Jugendlichen in Deutschland Erfahrungen sammeln könnten.
Die AVICRES arbeitet in drei großen Gebäudekomplexen, die schon seit mehreren Jahren von der Diözese übernommen wurden. Um diese zuerhalten ist die Zusammenarbeit der Diözese in Deutschland mit der AVICRES und deren Spenden nach wie vor besonders erforderlich.
Ab August 2014 werden drei brasilianische Schwestern der Kongregation der „Germeter Schwestern“ in der AVICRES arbeiten, sie werden in der Posse im Gelände einer großen Kapelle unterkommen. Ihre besondere Aufgabe wird sein „die Familien“ der Kinder der AVICRES zu begleiten und zu betreuen. Über diese Zusammenarbeit freut sich die AVIRES sehr.
Mein Praktikum ist nun bald vorbei, in überschaubaren Tagen geht es für mich zurück nach Deutschland. Der Abschied fällt mir bereits jetzt schon sehr schwer, denn Brasilien ist zu meiner zweiten Heimat geworden.
Ich bin stolz auf mich, ich habe das Jahr gemeistert, mit all seinen Höhen und Tiefen. Für ein Jahr habe ich gelebt, wie ein Bewohner der Baixada, und nicht wie eine Touristin. Habe Portugiesisch gelernt, konnte meinen Horizont erweitern, habe Bekanntschaften und Freundschaften geschlossen. Durch die wöchentliche Reflexion in der Supervision hatte ich die Möglichkeit mich selber besser kennen zu lernen und habe mich stets gut begleitet gefühlt. Durch das Kennen lernen der Projekte und das Arbeiten darin, weiß ich nun und kann bezeugen, dass die Spendengelder von meiner Schule dort wirklich ankommen und nach wie vor dringend gebraucht werden. 
Der Gedanke daran, dass ich nun immer wieder hier hin zurück kommen kann, bereitet mir ein gutes Gefühl.
Ich danke allen, die mich auf das Jahr so gut vorbereitet haben und die, die mich während dieser Zeit so klasse unterstützt haben. Es war für mich eine ganz wertvolles Jahr, voll Lebenserfahrungen und neuen Eindrücken.

Carina Duwe ...
Gymnasium der Stadt Lennestadt · Am Biertappen 45 · 57368 Altenhundem · Tel.: 02723 5339 · sekretariat@gymsl.de